Videospiele: Hochkultur menschlicher Schöpfungskraft

Videospiele haben einen zweifelhaften Ruf – insbesondere bei Menschen – die ohne sie aufgewachsen sind. Für mich gehören Videospiele neben klassischer Musik, Kunst und Skulptur zur Hochkultur der menschlichen Schöpfungskraft. 

Computerspiele vereinen TechnologieKunstLiteratur und Musik – darüber hinaus haben sie eine intrinsische Komponente, die außer Videospielen kein anderes Medium aufweist: Das Gameplay.

In diesem Essay beschreibe ich, warum Videospiele den Traum des Menschen, Gott-gleich zu sein, wahr werden lassen – und warum sie daher der Hochkultur zugeordnet werden müssen. (Natürlich sind Videospiele nicht per se Hochkultur – aber die besten Spiele befinden sich im Kultur-Olymp, zusammen mit der besten Architektur, Kunst, Musik und Literatur)

Das Streben hin zum Göttlichen

Eine Konstante menschlichen Strebens ist der Weg zum gottgleichen Wesen. Die conditio humana, das Menschsein, ist an die Endlichkeit des Lebens geknüpft: Früher oder später wird jeder von uns sterben; memento mori. Das unterscheidet uns von den Göttern. Und doch wollen wir – zumindest für gewisse Zeit – die Position eines Gottes einnehmen. Daher werden wir schöpferisch tätig, nehmen mithin die Rolle eines Erschaffers, Künstlers, Musikers oder Architekten ein.

Alle Formen der Kunst, Literatur und Musik zielen darauf ab, schöpferisch in Erscheinung zu treten.

  • Gemälde und andere Kunstwerke zeigen reale oder surreale Gegenstände, die aus dem Nichts heraus erschaffen und in die physische Welt gebracht werden.
  • Bücher erzählen Geschichten – eine der ureigensten Formen der Schöpfung.
  • Musik erzeugt Klangbilder und Akkorde, die von unseren Ohren mit Freude aufgesaugt werden (zumindest bei guter Musik).

Kurz: Wird er schöpferisch tätig, so nimmt der Mensch die Schaffenskraft eines Gottes an. Aber: Bei aller Schöpfung sind wir an die physischen Grenzen der Welt gebunden. Türme können – das hat Babel gezeigt – nur eine gewisse Höhe einnehmen. Anders als Gott, sind wir nur begrenzt in der Lage, neues Leben zu schaffen.

Über die physische Welt hinaus

Videospiele lösen diese physischen Grenzen auf. Dadurch, dass das Geschaffene in Form von Bildern auf einem Bildschirm dargestellt wird, werden völlig neue Möglichkeiten freigesetzt. Möglichkeiten, die es in der physischen Welt nicht gibt (oder geben kann).

Die Tatsache, dass wir in der Lage sind, animierte Bilder höchster Auflösung auf einem Bildschirm darzustellen, ist Kunde für die ungeheure Schöpfungskraft menschlicher Anstrengung. 

Videospiele vereinen die vier große Bereiche menschlicher Schaffenskraft: Technologie, Kunst, Literatur und Musik. Die Technologie ist es, die das Sprengen der physischen Grenzen ermöglicht. Anders als in Kunst, Literatur und Musik vereinen Videospiele wie kein anderes Medium verschiedenste Formen der menschlichen Schöpfung. 

Die vier Bereiche menschlicher Schaffenskraft in Videospielen

Technologie: Videospiele sind Gipfel des technologischen Fortschritts. Die Grafikkarte eines Computers ist neben dem Prozessor der wertvollste und leistungsfähigste Einzelbaustein. Die Entwicklung unfassbar leistungsfähiger Grafikkarten macht Videospiele erst möglich. Wir verdanken diese Technologie Firmen (und ihren Mitarbeiten) wie Intel, NVIDIA und AMD.

Grafikkarten treiben den Fortschritt – denn sie stellen bei der Entwicklung von Videospielen den Flaschenhals dar. Im Laufe der Zeit sind Grafikkarten sehr viel schneller geworden – und weisen heute mehr als 8 GB an Speicher auf. Vor 20 Jahren waren 8 bis 32 MB (!) üblich. Das Moore’sche Gesetz (das nach einem der drei Gründer von Intel benannt ist) gilt nicht nur für Prozessoren, sondern auch für Grafikkarten. 

Kunst: Videospiele sind Schmelztiegel verschiedenster künstlerischer Fertigkeiten. Videospiele stellen komplexe Bilder höchster Schaffenskraft animiert auf einem Bildschirm dar. Dafür müssen zahlreiche Entscheidungen in folgenden Bereichen getroffen werden: Farben, Perspektive, Architektur, Kostüme, Animationen, Schnitt, Typografie und viele weitere mehr.

Kurz: Es sind sind vielseitige künstlerische Fertigkeiten gefragt. Ein gutes Videospiel hat herausragende Typografie, eine intuitive Menüführung mit toller UI und UX. Es zeichnet sich durch ästhetisches Art Design aus; mit tollen Farben, Formen und Kostümen, Waffen, Fahrzeugen und Tieren. 

Literatur: Videospiele sind interaktiv gewordene Heldenreisen. Gute Videospiele haben eine Story, die den Spieler fesselt. Sie erzählen Geschichten in glaubwürdiger und nachvollziehbarer Weise. Dadurch sind Videospiele eine Form von Literatur. Die Art und Weise, wie Geschichten erzählt werden können, ist dabei mannigfaltig.

Es gibt das environmental storytelling, was bedeutet, dass durch Details in der landschaftlichen Umgebung eine Geschichte erzählt wird. Das können Inschriften an einem Turm sein, ein Graffiti an der Wand, oder ein zerstörtes Restaurant. Diese Form des Erzählens gibt es höchstens noch bei Filme. Richtig zur Geltung kommt sie allerdings erst bei Videospielen. Man spricht dann von der Immersion. Spiele wie Assassins’s Creed Odyssey, The Witcher 3 oder BioShock sind bemerkenswerte Beispiele für Videospiele mit einem hohen Immersionsgrad.

Außerdem zeichnet sich Literatur bei Videospielen durch die allgemeine Story, die Qualität von Dialogen oder auch von In-game-Material aus. Bei Skyrim gibt es beispielsweise Hunderte von Büchern, die man im Spiel finden kann. Kurz: Videospiele nutzen zahlreiche Erzählä-Mechanismen, und das in einer Vielfalt, die es so in keinem anderen Medium gibt.

Musik: Videospiele sind das einzige Medium mit einem dynamischen, der Situation angepassten Soundtrack. Die Kunstform der Musik ist so alt wie die Menschen selbst. Mit fortschreitender technologischer Entwicklung haben im Laufe der Zeit zahlreiche neue Möglichkeiten, Klänge zu erzeugen, Einzug gehalten. Mit dem Film und dessen musikalischer Untermalung eröffneten sich mannigfaltige Möglichkeiten für Musik, die eine Geschichte untermalt und auditiv miterzählt.

Videospiele stellen in dieser Hinsicht eine Weiterentwicklung dar. Durch den interaktiven Charakter der Musik entstehen dynamische Klangwelten, die es in dieser Form noch nie gegeben hat. Der Soundtrack von Deus Ex beispielsweise untermalt die faszinierende dystopische Spielwelt mit tiefen Bässen und Synthesizer-Klängen. Die Musik passt sich dynamisch an das Gameplay an: Beim Schleichen wird ein anderer Track gespielt als beim Kampf. Kurz: Musik in Videospielen ist ein wesentlicher Faktor für ein immersives Spielerlebnis, das den Spieler vor den Bildschirm fesselt. 

Gameplay: Videospiele haben ihre eigene Seele, das, was sie ausmacht – und das ist, wie sie sich spielen und anfühlen. Jedes Spiel, sei es Fußball, Schach oder die Siedler von Catan hat eigene Regeln – einen eigenen Charakter. 

Das gilt natürlich gleichermaßen für Videospiele. Das Spielgefühl eines Anno 1404 ist gänzlich anders, als das eines Dishonored 2 oder eines The Witcher 3. Diese, dem Videospiel eigene Dimension, ist das Gameplay. Dahinter verbergen sich die Spielmechaniken, die das Spiel ausmachen. In Foren und auf YouTube gibt es unzählige Diskussion darüber, was für gutes Gameplay entscheidend ist. Bei Shootern muss das Gunplay stimmen, Open-World-Spiele brauchen gute Immersion und abwechslungsreiche Side-Quests.

Kurz: es gibt eine unermessliche Anzahl an Aspekten, auf die es beim Gameplay ankommt. Und auch beim Gameplay zeigt sich die menschliche Kreativität und Schaffenskraft. Jahr für Jahr werden neue Mechanismen erfunden, die in den Kanon der Spieleentwicklung Einzug erhalten. 

Videospiel-Meisterwerke 

Es gibt Zehntausende von Videospielen. Wie bei allen Werken menschlicher Schöpfung gilt auch bei Videospielen das Gesetz von Sturgeon (Sturgeon’s law). Es besagt:

Ninety percent of everything is crap.

Das heißt konkret: Die meisten Videospiele sind nicht besonders gut – ja viele sind es tatsächlich nicht wert, gespielt zu werden. Um diese Spiele geht es in diesem Essay allerdings explizit nicht. Mich interessieren vielmehr die Spiele, die durch besondere Kreativität und Schöpfungshöhe besonders hervorstechen. Damit meine oben vorgetragenen Behauptungen nicht abstrakt bleiben, möchte ich zum Abschluss dieses Artikels einige – meiner Meinung nach herausragende –Videospiele kurz porträtieren. 

Deus Ex. Deus Ex ist eine Spiele-Reihe, die in einer dystopischen Zukunftswelt spielt. Der Spieler steuert den Agenten Adam Jensen durch Städte wie Detroit, Prag oder London. Der Spieler kann schleichend vorgehen oder aggressiv. Sowohl tödliches als auch nicht tödliches Vorgehen ist möglich; durch kluge Dialogentscheidungen können Auseinandersetzungen vermieden werden. Dabei konfrontiert das Spiel den Spieler mit philosophischen Fragen. Elon Musk ist bekennender Fan der Deus-Ex-Reihe. 

Dishonored. Dishonored ist eine Spiele-Reihe, die viele Parallelen zu Deus-Ex aufweist. Auch hier kann der Spieler schleichend oder aggressiv vorgehen. Die Welt ist ein viktorianisches Paralleluniversum mit bösen Herrschern und Walöl als Hauptressource. Es gibt verrückte Wissenschaftler wie Anton Sokolow, der Arzt, Philosoph, Erfinder, Bildhauer und Maler ist. Bei Dishonored wirken sich die Entscheidungen des Spielers auf die Geschichte aus – je nach Art des Vorgehens mit es ein »gutes« und ein »schlechtes« Ende. 

BioShock. BioShock ist eine Spiele-Reihe, die in dystopischen Städten spielt. Rapture ist eine Unterwasserstadt, die der Tycoon Andrew Ryan nach dem Vorbild von Ayn Rands Objektivismus gestaltet hat: Hier sollen Kunst, Forschung und Industrie ohne Grenzen möglich sein. Diese utopische Vorstellung wird aber schnell zur Dystopie. Es gibt wenige Spiele, die den Spieler derart in den Bann ziehen, wie BioShock. Der erste Teil erzielt bei MetaCritic eine rekordverdächtige Wertung von 96 %.

Mass Effect 2. Mass Effect (Teil 1 bis Teil 3) ist eine epische Weltraum-Erfahrung. Bioware, der Entwickler, ist (war) bekannt dafür, Spiele mit komplexen Stories und vielfältigen, oft moralisch nicht einfachen Entscheidungen zu entwickeln. In Mass Effect steuert der Spieler Commander Shepherd, der eine Koalition gegen einen übermächtigen Gegner aufbauen muss. Die toll gezeichneten Charaktere, ein atmosphärischer Soundtrack und ein gutes bis sehr gutes Gameplay machen Mass Effect zu einer herausragenden Spieleserie. 

The Witcher 3. Das wahrscheinlich meist geliebte Spiel der 2010er Jahre ist der dritte Teil der Witcher-Reihe. Es handelt sich um ein Fantasy-Rollenspiel mit einer unglaublichen Welt und bemerkenswerten Charakteren. Der Spieler spielt Geralt, einen Hexer, der seinen Lebensunterhalt mit dem Töten von Monstern verdient. The Witcher 3 hat für viele Spieler die Open-World-Formel komplett neu erfunden und im Hinblick auf Art Design und Gestaltung der Spielwert Maßstäbe gesetzt. Donald Tusk, der damalige polnische Premierminister, hat Obama 2011 ein The-Witcher-Spiele geschenkt (CD Projekt Red, der Entwickler von The Witcher, stammt aus Polen)

Assassin’s Creed. Assassin’s Creed ist eines der bekanntesten IPs (intellectual properties) der ganzen Spielewelt. Fast ein Dutzend AAA-Titel gab es bereits. Zuletzt hat Origins die Serie neu erfunden und erneut Maßstäbe in historischer Ak­ku­ra­tes­se gesetzt. In einer gigantischen Welt erkundet der Spieler ein ptolemäisches Ägypten mit Städten wie Alexandria (samt Leuchtturm und Bibliothek) und Memphis. Zuletzt lobtenzahlreiche Historiker die neuste Version Odyssey für die akkurate Darstellung von Tempeln mit Polychromie (anders als vielfach gedacht, wurden die Marmortempel und -statuen der Griechen bunt gemalt).

Fazit

(Herausragende) Videospiele vereinen TechnologieKunstLiteraturMusik und Gameplay zu einem kohärenten und überzeugenden Ganzen, das als Kronjuwel menschlicher Schöpfungskraft ein Teil des Olymps der Schaffenskultur zu betrachten ist. Videospiele machen den Traum des Menschen, Gott spielen zu können, wahr. Sie machen diesen Traum wahr in einer von Grund auf erschaffenen Welt, die die Grenzen des Physischen überwinden.

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